Reife Leistung

September 2019. Endlich, die evelinas sind reif, saftig und aromatisch. Das sieht man, das schmeckt man. Eveline Wild war selbst in der Oststeiermark und hat nachgefragt, worauf es beim „Apfelbrocken“ ankommt. Und was wir tun können, damit es noch lange heimisches Obst gibt.

Blauer Himmel, strahlender Sonnenschein und dazwischen unzählige knallrote Farbtupfer an den Apfelbäumen. „Besser geht’s nicht!“, meint Martina Pfingstl, die sich mit Eveline Wild auf den Weg in den Obstgarten macht. Kein höflicher Smalltalk übers Wetter. Würde es nämlich regnen, wäre der Boden auf den steilen Hanglagen binnen kurzem eine matschige, rutschige Piste und die Arbeit wesentlich schwieriger und gefährlicher.

Ein gutes Jahr
Temperatur, Niederschlag und Sonneneinstrahlung sind für die Obstbauern entscheidend, schließlich hängt vieles davon ab. Finanzielle Durststrecken, wie sie Spätfrost und Hagel in den vergangenen Jahren verursachten, oder reicher Ertrag. Der Einsatz ist immer derselbe. „Und wie war’s heuer?“, will Wild wissen. „Ein gutes Jahr“, gibt sich Bernhard Pfingstl zufrieden. „Einige Apfelsorten sind zwar aufgrund der Temperaturen im Frühjahr nicht so groß gewachsen, aber für die evelina, unsere Hauptsorte, war es auch dank unserer Bewässerungsanlage ein gutes Jahr!“

Erst schauen…
Nun wird geerntet und die ganze Familie ist seit Tagen im Dauereinsatz. Pro Hektar Anbaufläche muss man mit 800 bis 1.000 Stunden Handarbeit rechnen.Eltern, Großeltern und verlässliche Erntehelfer wandern von einem Baum zum nächsten, hügelauf, hügelab durch die Baumreihen.
„Das Ernten beginnt mit dem Schauen, Riechen und Schmecken“, erklärt der Obstbauer. Dazu kommen natürlich wissenschaftliche Parameter, Zuckerwerte und Druckfestigkeit, die er misst.
„Erst nehmen wir nur die leuchtend roten Früchte. Wir nennen das Blinkerbrocken. Wenn sie nicht so weit sind, heißt es: Warten und wiederkommen. Manchmal zweimal, manchmal dreimal.“

…dann brocken
Anderswo nennt man die aufwendige Arbeit Klauben oder Pflücken. Hier, in der Oststeiermark, wird gebrockt. Wesentlicher ist aber die richtige Technik, damit Baum und Frucht keinen Schaden nehmen. „Nicht zupfen, nicht reißen, sondern drehen!“, erklärt Bernhard Pfingstl den Gästen. Eveline Wild, die schon als Kind ihre Äpfel eigenhändig vom Baum holte, hat den Dreh gleich raus. Und noch etwas habe sie in ihrer Kindheit am Bauernhof gelernt, erzählt die gebürtige Tirolerin, während sie einen Apfel nach dem anderen in die grünen Kiste legt. „Achtsamkeit.“ Sagt’s und legt einen Apfel zum nächsten.

Der Wert der Arbeit
Für die Pfingstls und ihr Team geht das so weiter, tagelang, wochenlang, bis alle Obstbäume leergepflückt und die grünen Kisten im Lager gut mit knallroten Äpfeln gefüllt sind. Echte Arbeit. „Ob unsere Kinder den Obstbau weiterführen werden? Wer weiß…“, lässt Bernhard die Frage offen. Vieles hänge unter anderem davon ab, ob der Wert dieser Arbeit geschätzt und letztlich auch honoriert wird. Ob sich die Menschen beim Einkauf noch bewusster für heimische Spezialitäten entscheiden. „Leichter wird es nicht“, meint er und weist angesichts der niedrigen Preise auf die extrem angespannte Situation unter den Obstbauern hin. „Eine preisdeckende Produktion ist in der Steiermark heute oft nicht mehr möglich.“